Schulfach ICH - die Theorie

Eine Wanderung im Berner Oberland

Als Lehrpersonen und Schulleitung haben wir festgestellt, dass Kinder und Jugendliche zunehmend Mühe haben, eigene Gefühle wahrzunehmen, Impulse zu regulieren, sich zu motivieren sowie ein kooperatives Miteinander zu leben. Als Folgen beobachten wir Stress, Überforderung, unruhige Unterrichtssequenzen, disziplinarische Auffälligkeiten und Konflikte. Was lässt sich dagegen tun? Oder positiv formuliert: was hilft, unterstützt? Diese und ähnliche Fragen haben wir uns 2020 auf einer Wanderung im Berner Oberland gestellt. Unsere Lösung: Das Schulfach ICH. 

Von der Idee zur Umsetzung

Wie ist das Schulfach ICH entstanden?

Das Schulfach «ICH» wurde 2020 an den Schulen Fraubrunnen von Joy Krippendorf und Sibylle Kamber inhaltlich konzipiert, von der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern unterstützt, in einem Pilotversuch getestet und von der Universität Bern wissenschaftlich begleitet. Es zielt darauf ab, im Sinne unserer neurobiologischen Veranlagungen handeln zu können, also beziehungsfähig(er) zu werden. Mit sich selber und mit Anderen. So werden kooperative Strategien, Selbsterkenntnis und Beziehungsfähigkeit zu den Eckpfeilern der Klassen- und Schulkultur. Ganz nach dem Motto: «Werde gesehen, lerne dich kennen, finde dein Potenzial und gehe mit viel Zuversicht in die Welt hinaus». 

Was will das Schulfach ICH bewirken?

Die Schule ist unter Druck und fiebrig, und mit ihr viele Kinder, Jugendliche, Lehrpersonen, Familiensysteme, Fachpersonen und Institutionen. Die damit verbundenen Herausforderungen lassen sich mit den traditionellen Konzepten nicht mehr zufriedenstellend bewältigen. Fazit: Die Schule und alle darin Beschäftigten müssen - im Sinne der lernenden Organisation - die vorherrschende Praxis und die Strukturen neu denken. Eine starke Persönlichkeit des Kindes scheint dabei das wichtigste Element zu sein, um mit den stetig wachsenden Herausforderungen (motiviert) umgehen zu können und gesund zu bleiben. Dies gilt für alle Lehrpersonen ebenso. Ausgehend von diesen Erkenntnissen hat das Schulfach ICH zum Ziel, die Beziehungskompetenzen, die Motivation, die intrinsische Leistungsbereitschaft sowie die Gesundheit im Klassenzimmer nachhaltig zu fördern.

 

Was sind konkrete Richtziele?

  • Persönlichkeitsbildung und Beziehungsfähigkeit werden zu einem klar geplanten, definierten und wöchentlich durchgeführtem Unterrichtselement.
  • Die Kinder und Jugendlichen erhalten Werkzeuge, um in ihrem privaten und schulischen Umfeld ihre Persönlichkeit auf altersgerechte Weise zu entwickeln und ihr Potential zu entfalten.
  • Die Kinder und Jugendlichen finden einen besseren Zugang zu «sich selbst». Sie lernen, sich besser wahrzunehmen, sich besser zu verstehen, sich selbst bewusster zu lenken. Dafür kann auch der Begriff «Selbststeuerung» verwendet werden.
  • Mit einem besseren «Wissen über sich selbst» erhalten die Kinder die Grundlage für motiviertes und nachhaltiges Lernen.
  • Gute Beziehungen fördern den Gemeinschaftssinn sowie ein solides Klassengefüge. Die Schule wird zu einem fruchtbaren Lernort.

 

Wie werden die Richtziele im Unterricht verankert?

Im Unterricht verankert werden die Richtziele mittels vierer Bausteine: Ankommensinseln, Lerngespräche, Bewegung und Entspannung sowie Goldheft. Wichtig: Diese vier Bausteine sind weder unantastbar noch abschliessend. Es gibt weitere geeignete Bausteine, welche die Beziehungsfähigkeiten von Menschen fördern. Mehr dazu findest du in der Rubrik "Mach dein Schulfach ICH".

Auf welchen (wissenschaftlichen) Grundlagen 

basiert das Schulfach ICH?

Die moderne Hirnforschung hat in den vergangenen Jahren spektakuläre Forschungs-ergebnisse zu den neurobiologischen Grundlagen von Motivation, emotionaler Intelligenz und Intuition hervorgebracht. Letztendlich dreht sich alles um die Frage, wie Kinder und Jugendliche (generell Menschen) «funktionieren». Was tut ihnen gut und was erzeugt Motivation? Antworten darauf gibt es nur im Gehirn (und im Herzen), weil neurobiologische Wirkprinzipien am Ursprung dieser Prozesse stehen. Die Schulfach ICH-Kurse beinhalten u.a. auch einen Ausflug ins Gehirn (und ins Herzen). Dabei werden neurobiologische Voraussetzungen und Wirkmechanismen beleuchtet, die den überragenden Einfluss "gelingender Beziehungen" auf die Motivation, die Lern- und Leistungsfähigkeit sowie die Gesundheit erklären. 

 

Warum sind gelingende Beziehungen für die Schule so zentral wichtig?

Aktuelle Forschungsergebnisse aus der Neurobiologie machen deutlich, dass nicht die Konkurrenz am Anfang aller menschlichen Biologie steht, sondern das Phänomen der Kooperation und der Zugewandtheit. Tief verankerter Kern aller Motivation, Freude und Gesundheit ist, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden und zu geben. So haben aus der Sicht des Gehirns alle Ziele, die wir im schulischen, privaten und beruflichen Alltag verfolgen, ihren Sinn darin, dass wir von "anderen gesehen und anerkannt werden wollen". 

 

Das Schulfach ICH stellt eine vielversprechende Möglichkeit dar, um Selbstregulations-Prozesse aktiv aufzubauen. Es werden Ressourcen gefördert, welche vorbeugend wirken. Dies sind beispielsweise Kompetenzen wie Emotionsregulation, Selbstwirksamkeit, ein achtsamer Umgang mit sich selber oder Konfliktmanagement. 

- Regula Neuenschwander Entwicklungspsychologin, Universität Bern

Über das Schulfach ICH

Seit 2021 teilen wir unsere Freude am Thema, unsere Ideen sowie unsere Erfahrungen mit motivierten Lehrpersonen und Schulen. Möchtest auch du gelingende Beziehungen und unterfachliche Kompetenzen (wieder) stärker in den Mittelpunkt schulischen Geschehens stellen? Dann bist du richtig hier!

Schulfach ICH – die Praxis

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